Geschichte

Im Zusammenhang mit dem englischen Fahrzeugbau tauchte der Name „Calthorpe“ erstmals im Jahre 1906 auf. Der Weg zum ersten Automobil bis hin zum letzten Kraftrad der Marke „Calthorpe“ war von verschiedensten Unternehmungen und Gesellschaften sowie dem Wirken einer Person geprägt.

George William Hands wurde am 10. April 1871 in Bridgeport (Connecticut, U.S.A) geboren. Seine Familie lebte vorübergehend dort und sein Vater arbeitete als Maschinenschlosser. Hands zog zusammen mit seinem Bruder nach England und lebte im Birminghamer Vorort Handsworth. Er arbeitete als Dreher und stieg mit 20 Jahren in das Fahrradgeschäft ein. Bereits 1894 gründete er gemeinsam mit Arthur Cake die Firma „Hands and Cake“. Die Werkstatt der beiden Fahrradbauer befand sich in der Adderley Street im Ortsteil Digbeth der Industriestadt Birmingham.
Die Unternehmung „Hands and Cake“ wurde im Jahre 1897 zur „Bard Cycle Manufacturing Company Ltd“ mit Hands als geschäftsführenden Gesellschafter umfirmiert. Ebenso wurde eine Produktionsstätte in der Barn Street im Stadtteil Bordesley bezogen. Die produzierten Fahrräder wurden unter der eingetragenen Handelsmarke „Bard“ verkauft. Weiterhin nahm man ein motorbetriebenes Dreirad in das Produktprogramm auf. Als Antriebsaggregat kam ein Motor der Marke De-Dion mit 2 ¼ HP (Erklärung der Einheit hier) zum Einsatz. Parallel wurde auch ein vierrädriges Fahrzeug angeboten. Die Firma war eine der ersten im 19. Jahrhundert, welche motorisierte Fahrzeuge dieser Art produzierte. Im Jahre 1902 wurde aufgrund zu hoher Verbindlichkeiten gegenüber den Gläubigern die Einstellung der Geschäftstätigkeit beschlossen.

Bard Herrenrad Bard Emblem Bard Damenrad
Bard "Model B"Semi Racer aus dem Jahre 1895 [1]   Bard "Model C" Ladies aus dem Jahre 1895 [1]

Bereits ein Jahr später gründete Hands die „Minstrel Cycle Co.“ mit Sitz in der Bishop Street. Die Aktivitäten der „Bard Cycle Manufacturing Company Ltd“ wurden auf die „Minstrel Cycle Co.“ übertragen und der Betrieb in der Barn Street veräußert. Nun produzierte man drei Fahrradmodelle. Das „Minstrel“, welches bereits bei „Bard“ gebaut wurde und das neue „Rea“. Dieses wurde nach dem Rea, welcher Birmingham durchfließt, benannt. In dessen Nähe befanden sich die alte Fabrik der Marke „Bard“ als auch die der neuen „Minstrel Cycle Co.“. Das dritte Modell „Fiscal“ wurde als günstiges Rad ohne Markenzeichen verkauft. Fahrradhändler konnten ihre eigene Schiebebilder anbringen und die Räder gestalten sowie ausstatten.

Weiterhin wurden motorisierte Fahrzeuge unter dem Namen „Rea“ hergestellt. Die Motorräder hatten 3¼ HP und drei dieser Maschinen nahmen am „London to Edinburgh Motorcycle Ride“ 1905 teil. Die 24h - Fahrt wurde vom 1901 gegründeten „Motor Cycle Club“ ausgetragen. Im Jahre 1904 baute Hands in der Firma seine ersten Automobile mit einem 10 HP Vierzylindermotor. Aufgrund des Unternehmenswachstums kam es zur Umfirmierung im Jahre 1906.
Aus der „Minstrel Cycle Co.“ wurde die „Minstrel and Rea Cycle Co“. Die Firma zog wieder zurück in die einen Kilometer entfernte Barn Street. Hands blieb Gesellschafter. Zu den Geschäftsbereichen zählen der Fahrradbau mit den Modellen Rea, Minstel, Dux und Fiscal, sowie der Bau von Motorrädern und Automobilen.

Als Markenname wurde für die gebauten Automobile „Calthorpe“ eingeführt. Calthorpe war als Familienname von Großgrundbesitzern in und um Birmingham bekannt. Frederick Gough, der 4. Baron Calthorpe (1862–1940 ) stiftete ein Teil seines Landes an die Stadt Birmingham, welche 1853 am Fluss Rea den „Calthorpe Park“ eröffnete. Dieser befindet sich unweit der Bishop Street, wo die ehemalige „Minstrel Cycle Co.“ ihren Sitz hatte. An die Calthorpe Familie wurde sehr wahrscheinlich Pacht für die Grundstücke der Fabriken gezahlt. Ob es durch die Verwendung des Namens als Marke Pachtvergünstigungen gab oder ob der Name auf Grund eines guten Rufes verwendet wurde ist nicht überliefert.

bham karte
Stadtkarte von Birmingham [2]

Ab 1908 nahm die Fertigung von Motorrädern und Automobilen zu und ein eigener Geschäftsbereich wurde 1909 mit der Gründung der „Calthorpe Motor Co. Ldt.“ eingerichtet. Der Alleineigner war die „Minstrel and Rea Cycle Co.“ Das Geschäftsfeld der Tochtergesellschaft war anfangs der Automobilbau und Teile der Automobilfertigung wurden in die Cherrywood Road im Stadtteil Bordesley Green ausgelagert. Dort befand sich in direkter Nachbarschaft die "Wolseley Motor Co." (Wikipedia Artikel). Die Büroräume befanden sich in der John Bright Street. Gefertigt wurden leichte Kraftwagen mit White and Poppe Motoren. Im weiteren Verlauf des Jahres wurde auch der Motorradbau kaufmännisch in die „Calthorpe Motor Co.“ verlagert. Produziert wurden die Zweiräder in den Fabrikgebäuden der „Minstrel and Rea Cycle Co.“ Das erste Motorrad verfügte über ein 3.5 HP starken White and Poppe Motor. Im Jahre 1911 folgen die ersten Motorräder mit luft- oder wassergekühlten Precision Motoren. Die „Minstrel and Rea Cycle Co.“ führte 1911 das neue Fahrradmodell „Tourist“ ein.

Auf der Suche nach neuen Kapitalgebern wurde 1912 die „Calthorpe Motor Co. (1912) Ltd.“ gegründet. George William Hands war einer der Vorstände. Die Gesellschaft führte den Automobil und Motorradbau der „Calthorpe Motor Co. Ldt.“ fort und war zumindest formal von der „ Minstrel and Rea Cycle Co.“ getrennt. Die Produktionshallen wurden weiterhin gemeinsam benutzt und auch Hands war in beiden Firmen als Vorstand tätig. Im Jahre 1914 wurde die „Calthorpe Motor Co. Ldt.“ aufgelöst.
Durch die „Calthorpe Motor Co. (1912) Ltd.“ wurde bereits 1913 die „Calthorpe Motor Cycle Co.“ als Tochter gegründet, welche nun für den Motorradbau sowie deren Verkauf und Vermarktung zuständig war. Diese bot von 1913 bis 1917 sieben verschiedene leichte Motorräder an. Sie verfügten über 2 ¼ HP bis zu 4 HP starke JAP-Motoren und neben einem Krad für Frauen wurde auch ein Motorrad mit Beiwagen in das Produktprogramm aufgenommen. Sitz und Produktionsstandort der Gesellschaft war in den Werksanlagen der Barn Street. Von der Dachgesellschaft wurden im Automobilbereich leichte Kraftwagen mit Vierzylindermotor und einer "Leistungs"-spanne von 10 bis 20 HP angeboten. Ein bekanntes und beliebtes Modell war der „Minor“.
Im Jahre 1917 erwarb die „Calthorpe Motor Co. (1912) Ltd.“ die „Mulliners Ldt.“ in Birmingham, welche Karosserien und Automobile fertigte. Bereits vor dem Kauf ließ man dort fertigen. Als lukratives Geschäft erwies sich die Produktion von Handgranaten des Typs №5 MK1 während des ersten Weltkriegs.

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Die Werksanlagen in der Barn Street. Hier wurden die Motorräder produziert [3] Das Automobilwerk in der Cherrywood Road (Stadtteil Bordesley Green) [3]
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Handgranate von "Calthorpe" Typ № 5 Mk I Calthorpe Motor

Nach dem Ende des Kriegs wurde im Automobilbau nur noch eine verbesserte Variante des kleinsten Wagens hergestellt und vertrieben. Der überarbeitete „Minor“ verfügte über einen Motor mit 1261ccm. Im Jahre 1920 wurde von den Vorständen eine Produktion von 50 Automobilen in der Woche beschlossen. Die Karossen wurden von der eingekauften „Mulliners Ldt.“ gebaut und die Endmontage erfolgte in der Cherrywood Road. Motorsportlich zeigte Calthorpe bei Rennen in Brooklands Präsenz.

Im Geschäftsbereich der „Calthorpe Motor Cycle Co.“ wurden die Vorkriegsmodelle mit Modifikationen und kleinen Verbesserungen angeboten. Im Jahre 1922 wurde das Produktspektrum um ein Motorrad mit 350ccm Zweitaktmotor und 3 Gang Getriebe erweitert.
Im selben Jahr verließ Hands die „Calthorpe Motor Co. (1912) Ldt.“, gründete die „G.W. Hands Motor Co.“ und entwickelte sein eigenes „Hands“ Automobil. Dieses Fahrzeug wurde im selben Werk wie die Motorräder der „Calthorpe Motor Cycle Co.“ gefertigt. Für den Produktionsstandort in der Barn Street wurde nun der Name „Lion Works“ genutzt. Im Jahre 1923 sind 250 „Hands“ Automobile ausgeliefert wurden. Die Fahrzeuge waren als 2 oder 4-Sitzer verfügbar.
Bei der „Calthorpe Motor Cycle Co.“ wurden die Viertakt Motoren von JAP durch 250ccm Motoren von Blackburne ersetzt. Ein Modelljahr später wurde wieder auf JAP Aggregate umgestellt und zudem ein Modell mit 147ccm Villiers Motor angeboten.
Hands kehrte 1924 in die „Calthorpe Motor Co. (1912) Ldt.“ zurück. Während seiner Abwesenheit hatte er einen Sechszylindermotor mit oben liegender Nockenwelle und 2000 ccm Hubraum entwickelt.
Im Jahre 1925 wurden auf Messen elf verschiedene Automobile gezeigt. Doch die Tage der leichten und dennoch teuren Automobile waren gezählt. Daran konnte auch der fortschrittliche Sechszylindermotor nichts ändern. Bei der „Calthorpe Motor Cycle Co.“ wurde ein 348ccm Viertaktmotor konstruiert und im neuen Sport-Modell mit drei Gängen und Druid-Gabel verbaut. Die „Calthorpe Motor Co. (1912) Ldt.“ wurde 1925 aufgrund der sinkenden Absätze an Automobilen aufgelöst. Es wurden noch bis zum Jahre 1928 bereits bestellte Fahrzeuge gebaut und ausgeliefert. Die Anzahl an gebauten Automobilen nach dem ersten Weltkrieg beläuft sich auf circa 5000 Stück.
Mit der Auflösung der Gesellschaft ging die profitable Motorrad bauende Tochtergesellschaft „Calthorpe Motor Cycle Co.“ an die „Minstrel and Rea Cycle Co.“ mit George W. Hands als Vorstand über. Die Werksbezeichnung „Lions Works“ verschwand nun wieder von den Prospekten. Im Jahre 1926 wurde eine Super Sport Variante der 348ccm Maschine vorgestellt und ein Jahr später erfolgte die Markteinführung der 498 ccm Maschine „G1“ mit Calthorpe OHC Motor.

auto motorrad auto hands
Calthorpe Automobil Werbung (1919) [4] Calthorpe Motorrad Werbung (1928) Hands Automobil Werbung (1922) [4]

Die wohle bekannteste Modellreihe der „Calthorpe Motor Cycle Co.“ wurde 1929 vorgestellt. Die Ivory (I) verfügte über einen überarbeiteten Calthorpe 348ccm Motor. Die elfenbeinfarbene Lackierung und der Satteltank machten die Maschine zu einem Verkaufsschlager.
Die Produktion der G1 mit Königswelle wurde eingestellt und die Entwicklung der Ivory vorangetrieben. Bereits im Jahre 1930 wurde die Ivory (II) mit nach vorne geneigtem Zylinder angeboten. Die Ivory (III) aus dem Jahre 1931 verfügte über eine Dupex-Ölpumpe sowie Detailverbesserungen. Im Jahre 1932 folge die Ivory (IV) welche nun erstmals auch mit 500 ccm Motor angeboten wurde. Zudem gab es eine 249 ccm Zweitaktmaschine mit Villiers Motor, welche aber bereits ein Jahr später wieder entfiel. Ebenso fiel die 350ccm Maschine aus dem Programm, sodass 1933 nur die Ivory Major mit 500ccm offeriert wurde.
Schließlich kam 1934 eine 249ccm Maschine mit eigenem Calthorpe Viertaktmotor hinzu.
Ab dem Jahre 1935 bis zum Jahre 1938 wurden die Ivory Modelle mit 250, 350 und 500 ccm angeboten. Weiterhin konnte man eine Rennmaschine mit überarbeitetem Motor bestellen. Technische und optische Änderungen erfolgten nur im Detail. In dieser Zeit geriet die Firma aufgrund der gesunkenen Nachfrage an Motorrädern in finanzielle Schieflage. 1937 wurden die Markenrechte an die Firma „Pride and Clark“ aus London verkauft. Diese wollte mit der neuen Farbgebung die Verkaufszahlen steigern. Doch das Projekt „Red Calthorpe“ misslang und die „Calthorpe Motor Cycle Co.“ wurde 1938 liquidiert. Mit ihr ging auch die Liquidation der Muttergesellschaft „Minstrel and Rea Cycle Co.“ einher, in der George William Hands Vorsitzender war. Hands verstarb im Jahre 1938.

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Die erste Calthorpe Ivory von 1929... ..und die letzte "Ivory" welche 1938 als Red Calthorpe verkauft wurde

Der Markenname „Calthorpe“ wurde von Bruce Douglas, einem Neffen des Gründers der „Douglas Motors Ltd.“ aus Bristol 1939 gekauft. Das stark vergekommene Werk in der Barn Street wurde beräumt und alle Maschinen und Ersatzteile nach Bristol gebracht. Unter der Marke „Calthorpe“ sollten fortan die Modelle 250cc Cavalier, 350cc Cavalier und 500cc Cavalier mit Matchless Motoren verkauft werden. Es kam jedoch nicht zur Serienfertigung und das Projekt wurde beendet.
Kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs kaufte Harold Nock, welcher Geschäftsführer der „DMW Motorcycles“ -werke aus Wolverhampton war die Markenrechte an „Calthorpe“ und plante den Bau einer 125ccm Maschine mit Villiers Motor. Ein Motorrad wurde gebaut und der Fachpresse vorgeführt. Zur Serienfertigung kam es jedoch nicht und das Ende der Marke „Calthorpe“ war endgültig gekommen.
Das materielle Vermächtnis des George William Hands ist heute rar geworden. Egal ob Fahrrad, Motorrad oder Automobil. Seinem unermüdlichen Unternehmergeist und Tatendrang wird mit dem Erhalt und der Restauration der vorhanden Fahrzeuge ein Denkmal gesetzt. Hands zog sich aus dem Fahrzeugbau bereits Mitte der zwanziger Jahre zurück und nahm fortan nur noch seine Gesellschafterrolle war. Neben dieser war Hands auch als Hotelier sehr erfolgreich und er besaß mehrere Rennpferde. [5]

Bearbeitungsstand: 07/2018

[1] https://www.oldbike.eu/

[2] https://maps.nls.uk/view/101168030

[3] https://britainfromabove.org.uk/

[4] https://www.gracesguide.co.uk/

[5] https://www.calthorpe.info/

 

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